Akademie “Mamun” in Chiwa

Die  zentralasiatische Region leistete während des Goldenen Islamischen Zeitalters (8.-15. Jh.) einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung der menschlichen Zivilisation, vor allem im Bereich der Wissenschaften. Im Mittelalter gab es in Zentralasien viele Wissenschaftler und wissenschaftliche Schulen, und die Mamun-Akademie in Choresmien ist dafür ein anschauliches Beispiel. Politische Stabilität, wirtschaftliche und soziale Entwicklung von Choresmien am Ende des 10. und Anfang des 12. Jahrhunderts sowie die fruchtbaren Beziehungen der Völker der Region untereinander schufen günstige Bedingungen für die Gründung einer wissenschaftlichen Schule in Gurganch (heute Urgench).

In mittelalterlichen Quellen gibt es keine Informationen über das genaue Datum der Gründung der Mamun-Akademie. Es gibt jedoch zuverlässige Fakten darüber, daß Abu Rayhon Beruni und Abu Ali ibn Sino (Avicenna) 1004 nach Gurganch zu wissenschaftlichen Forschungszwecken kamen. Daher kann angenommen werden, dass die Akademie durch den Herrscher der Schah-Dynastie von Choresmien errichtet wurde. 992 kam in Gurganch dort ein neuer Herrscher an die Macht – Abu Ali Mamun. Während seiner Regierungszeit wurden viele Wissenschaftler hierher eingeladen. Obwohl die Mamun-Akademie nur bis 1017 bestand, wurden auch danach noch viele wissenschaftliche Forschungen  und Arbeiten in den Bereichen Astronomie, Mathematik, Medizin, Chemie, Physik, Geographie, Mineralogie, Geschichte, Philosophie, Literatur, Linguistik, Rechtswissenschaft und anderen Wissenschaften fortgesetzt. Insbesondere in der Astronomie wurden korrigierte astronomische Tabellen über die Sterne und Planetenbewegungen sowie neue astronomische Instrumente erstellt. Mit diesen prognostizierte und erforschte Beruni 1004 die Mondfinsternis.

Mathematikstudien wurden von Abu Mansour ibn Iraq, Beruni und Abu Khair Hammore durchgeführt. Ibn Iraq, ein Lehrer von Beruni, schrieb ungefähr 30 wissenschaftliche Bücher über Mathematik und Astronomie. Beruni selbst schrieb in seinen 150 Büchern Artikel über Mathematik und Astronomie. Die Eigenschaften eines gleichschenkligen Dreiecks wurden von Abu Khair Hammor bewiesen und sind allgemein als der Hammori-Satz (Al-Shakl al-Hammori) bekannt.
Biruni und Ibn Sino trugen zur Entwicklung der Chemie bei. Beruni hat den Zusammenhang zwischen der Masse eines Stoffes und seiner chemischen Zusammensetzung in einem Artikel über “Vergleichbare Massen” nachgewiesen. Ibn Sino führte chemische Experimente durch, um Substanzen umzuwandeln. Diese Ergebnisse wurden im Artikel “Eine Abhandlung über den Stein der Weisen” beschrieben. Dieser Artikel erschien 1005 in Choresmien.
Die Wissenschaftler Abu Sahl al-Masihiy, Abu Khair Khammor, Ibn Sino und Beruni haben wissenschaftliche Arbeiten zur Medizin verfasst. Insbesondere Abu Khair Hammore wurde als Zweiter Hippokrates für seine innovativen theoretischen Lehren in Bereichen wie der menschlichen Anatomie, der Ernährung älterer Menschen, medizinischen Experimenten, Nahrungsmitteln und Epilepsie bekannt. Abu Sahl al-Masihiy wurde durch seine praktischen Lehren in der Medizin berühmt. Ibn Sino schrieb trotz seines kurzen 5-jährigen Aufenthalts in Khorezm (1005–1010) sehr wichtige Artikel über die Behandlung von Wunden (Dafal Mador).
Die Geographieforschung war hauptsächlich mit dem Namen Beruni verbunden. Ab seinem 16. Lebensjahr verbrachte er viel Zeit damit, die geografische Breite verschiedener Orte zu messen. Beispielsweise errechnete er die geografische Breite der Stadt Kyat in Choresmien. 994 konnte er die exakte Abweichung der Ekliptikebene des Dorfes Bushkans (zwischen der Westküste des Amu Darya und der Stadt Kyat) zum Äquator messen. Im Jahr 995 begann Beruni mit der Erforschung einer Form der Erde in Form eines Globus. Dies war die erste Reliefkugelzeichnung der Erde. Beruni schrieb wissenschaftliche Artikel in verschiedenen Bereichen der Geographie, wie Naturgeographie, Hydrologie und Mineralogie.
Die Mamun-Akademie in Choresmien war auch berühmt für ihr Studium der Sozialwissenschaften. Die Philosophie wurde im Schriftwechsel zwischen Biruni und Ibn Sino eigend studiert. Beide Wissenschaftler äußerten sich zu den philosophischen Vorstellungen von Aristoteles über das Ende der Welt. Beruni und Ibn Sino unterstützten die Idee der Existenz anderer Welten und Kulturen.
An der Mamun-Akademie in Choresmien wurden umfangreiche geschichtliche Studien durchgeführt. Beruni verfasste das Buch “Berühmte Personen von Choresmien” und “Die Geschichte von Choresmien”. Leider blieb das Buch nicht erhalten, aber sein Hauptteil beschrieb Abu Fazl Baihakhiy in seinem Buch „Geschichte von Masudi“, welches er Sultan Masoud Ghaznavi widmete. Darüber hinaus schrieb Beruni andere Bücher über die Geschichte, wie zum Beispiel “Denkmäler”, “Wissen” (At-Tafhim) und “Indien”.
Bücher von al-Saolibi “Wundervolle Nachrichten” (“Latoif al-Maorif”, 10.-11. Jh.), von Al-Samoni “Buch der Ahnentafel” (“Kitob al-Ansob”, 12. Jh.), von Yokut al-Hamaviy “Enzyklopädie der Schriftsteller („Muzham al-Udbo“) und andere Schriften heben die Berühmtheit der Mamun-Akademie hervor. Viele Dichter und Schriftsteller wie Ahmad bin Muhammad bin Sahriy, Abdulloh bin Hamid, Abu Sayyid bin Shabib, Abu Hassan bin Mamun, Abu Abdulloh in Tohir und Ibrohim Rakkoniy arbeiteten an der Mamun-Akademie. Der Berater von Khorezmshah al-Sakhli schrieb Gedichte und organisierte regelmäßig Literaturwettbewerbe an der Mamun-Akademie in Choresmien.
In dieser Zeit entwickelten Linguisten der Akademie die arabische Grammatik und den arabischen Wortschatz, der ein wichtiges Instrument für die wissenschaftliche Kommunikation war.
Die Resolution der 32. Tagung der Generalkonferenz der UNESCO im Jahr 2003 und das Dekret der usbekischen Regierung vom 9. November 2004 „Anlässlich des 1000-jährigen Bestehens der Mamun-Akademie in Khorezm“ gaben Anstoß für weltweite Studien dieser berühmten mittelalterlichen Bildungsakademie und eine verstärkteWahrnehmung des wissenschaftlichen und kulturellen Erbes Usbekistans.

Adresse: Region Choresmien, Chiwa.
Öffnungszeiten von 9.00 bis 18.00 Uhr.
Tel: 375-51-43
www.mamun.uz